Unsere Besichtigung der MV Werft in Wismar


Im April 2002 waren 38 Mitglieder des VSIR in der damaligen Aker MTW in Wismar, um kurz vor der Indienststellung die „AIDAdiva“ zu besichtigen. Seitdem hat die Werft eine wechselvolle Geschichte hinnehmen müssen und bildet seit 2016 zusammen mit den Werften in Warnemünde und Stralsund die zum Unternehmen Genting Honkong (Genting HK) gehörenden MV Werften. Diese können Erfahrungen aus 70 Jahren und dem Bau von über 2500 Neubauten unterschiedlicher Schiffstypen und von Offshore-Einrichtungen aufweisen. Unter anderem baut darauf auch die Planung für den Bau von 2 Kreuzfahrtschiffen der „Global Class“ (201.000 BRZ, mit 340 m Länge für 5000 Passagiere) oder von 3 Endeavor-Klasse-Schiffen (160 m lange Megajachten mit Eisklasse PC6 und 20.000 BRZ für Expeditionen mit 200 Passagieren in die entlegensten Winkel der Welt) auf.
Aktuell befinden sich in Wismar vier 6-Sterne-Flusskreuzfahrtschiffe der „Rhine“ Klasse (135m Länge für 110 Passagiere) in Bau.

Für den Verein der Schiffsingenieure zu Rostock ergab sich am 21.04. die Möglichkeit der Besichtigung der Werft. 17 Vereinsmitglieder konnten dabei die unterschiedlichen Bauphasen der Schiffe in Augenschein nehmen. Da wir mehr oder weniger Erfahrungen mit Werften aus „früheren Zeiten“ hatten, konnten wir feststellten, dass sich der Schiffbau gewaltig verändert hat. Dazu trägt in Wismar neben den modernen Fertigungstechnologien auch der computergesteuerte Zuschnitt, die automatischen Transportsysteme mit bis zu 23 t Tragfähigkeit oder die gewaltigen Krananlagen mit max. 1000 t Hubvermögen bei.

Nach einer kurzen Einweisung führte uns Herrn Binder entsprechend des Bauablaufs durch die Werft. In der Schiffbauhalle 30 konnten wir zunächst die Formung von Schiffbauteilen mittels einer Presse beobachten und gewalzte Teile für die Außenhaut begutachten. In der Zuschnitthalle werden mit unterschiedlichen Brennverfahren (Unterwasser oder konventionell) die Einzelteile für die Flusskreuzfahrtschiffe („Crystal Debussy“ und „Crystal Ravel“) gefertigt und anschließend in der Paneelhalle zu Doppelböden oder anderen Teilen zusammengeschweißt. Trotz Automatisierung ist hier noch teilweise Handarbeit gefragt. Eine Doppelbodensektion war gerade in Arbeit und man konnte die verschiedenen Verbände gut sehen. Auffällig war für uns die geringe Bauhöhe der Doppelböden, die naturgemäß viel geringer als bei Seeschiffen ausfällt. In der nächsten Halle wird dann der vorgefertigte Doppelboden gedreht und mit den Außenhautplatten verschweißt. Wir konnten daran anschließend in der Konservierungshalle die Vorbereitung zum Strahlen einer Doppelbodensektion beobachten. Nachdem die so behandelten Bauteile konserviert sind, erfolgt deren Transport in die Dockhalle. Diese ist seit ihrer Fertigstellung 1998 ein Wahrzeichen von Wismar, was durch ihre Höhe von 72 m, ihre Breite von 155 m und ihre Länge von 395 m durchaus verständlich ist. In der Halle konnten wir sehen, wie aus den vorgefertigten Komponenten Sektionen zusammengesetzt und gleichzeitig mit den erforderlichen Maschinen, Einbauten, Rohrleitungen und Kabel versehen wurden.

In dem zweigeteilten Trockendock machten die „Crystal Mahler“ und die schon schwimmende „Crystal Bach“ einen etwas verlorenen Eindruck. Das ist nicht verwunderlich, da das Dock ja für weitaus größere Schiffe konzipiert wurde und in seiner vollen Größe dann auch beim Bau von Schiffen der „Global“ Klasse benötigt wird.

Wir konnten auch kurz einen Eindruck vom Innenausbau der „Crystal Bach“ gewinnen. Hier arbeiten Elektriker, Rohrleger, Isolierer und andere Gewerke in drangvoller Enge an der Fertigstellung des ersten, 2017 abzuliefernden Flusskreuzfahrtschiffes. Der letzte Ausbauschritt erfolgt dann durch die Verwendung von Fertigkabinen, die in der MV WERFTEN Fertigmodule GmbH hergestellt werden.

Während der Besichtigung kam auch zum Ausdruck, dass durch die MV Werften Millionen von Euros wie z. B. in die schon erwähnten Fertigmodule GmbH in Wismar oder in eine neue Schiffbauhalle mit modernsten Laserpaneellinien in Warnemünde investiert werden. Damit soll sich das Unternehmen weiterentwickeln und dauerhaft auf dem Schiffbausektor behaupten können. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Beschäftigungszahlen der Werftengruppe. Bei zurzeit 1502 Arbeitnehmern an den 3 Standorten sind 250 neue Arbeitsplätze zu besetzen. 90 junge Menschen können sich für eine Ausbildung in verschiedenen Berufen des Schiffbaus ab September 2017 bewerben.

Am Ende unserer Besichtigungstour konnten wir im werfteigenen Speisesaal ein schmackhaftes Mittagessen einnehmen und zum „Nachtisch“ noch einige Schiffsmodelle wie z. B. das der Eisenbahngüterfähre "Mukran", des Fischereiund Transportschiffes Typ „Polar“ oder des Rettungsschiffes „Dimitri Mendelejew“ bewundern. Abschließend bedankten wir uns bei Herrn Binder für die sehr interessante Führung durch die Werft. Er beantwortete dabei geduldig unsere zahlreichen Fragen und wies auf besondere Details des Baugeschehens hin. Nicht nur dadurch entstand der Wunsch, uns um eine erneute Werftbesichtigung zu einem Zeitpunkt, an dem sich die „Global“ Klasse im Bau befindet, zu bemühen.

Text und Fotos R. Langguth



Dipl.-Ing. Ralf Griffel / webmaster@vsir.de / 05.05.2017